Erzdiözese München und Freising
Fachbereich Weltanschauungsfragen
Informationen zu religiösen und weltanschaulichen Strömungen

„Viele Menschen denken, dass sexueller Missbrauch in ihrem sozialen Nahraum nicht vorkommt. Menschen vom Land denken, das gibt es nur in der Stadt. Menschen mit hohem sozialem Status denken, das kommt nur bei sozial Schwachen vor. Migrantinnen denken, das kommt nur in der Aufnahmegesellschaft, aber nicht unter den Migrantinnen vor.“

Amyna

Ein Thema des Schweigens

Wie häufig sexueller Missbrauch tatsächlich vorkommt, ist eine kaum zu beantwortende Frage. Unterschiedlichste Zahlen und Schätzungen kursieren hierzu, die oft gar nicht miteinander zu vergleichen sind, da verschiedene Definitionen als Grundlage herangezogen wurden.

Unbestritten ist jedoch die Tatsache, dass viele Fälle von Missbrauch nicht bekannt und noch seltener juristisch verfolgt werden, da unter anderem die Opfer über das Vorgefallene schweigen. 

Hierfür gibt es viele Gründe. Als erstes ist die Scham zu nennen; anderen Menschen davon zu erzählen, dass man Opfer geworden ist, wie man verletzt und misshandelt wurde, kommt häufig einer erneuten Demütigung gleich. Da mit dem Missbrauch oft auch der Verlust der Fähigkeit einhergeht, anderen, aber auch sich selbst Vertrauen zu können, ist die Hürde umso größer, sich überhaupt an andere Personen zu wenden.

Kommt noch die Angst vor dem Täter dazu, sehen die Opfer oft gar keine Möglichkeit, sich aus der Situation zu befreien. Insbesondere, wenn die äußeren Umstände sich nicht einfach ändern lassen (z.B. wenn der Täter ein Familienangehöriger ist), bedeutet die Suche nach Hilfe zugleich auch weitere Gefahr. Aber auch die Angst, für immer stigmatisiert zu sein, sobald die Tat(en) öffentlich werden, lässt viele Betroffene lieber schweigen (z.B. die Angst vor Stigmatisierung in Schule, Nachbarschaft, Familie, Arbeitsplatz etc.).

Aber auch die Angst, selbst bestraft oder moralisch verurteilt zu werden, ist nicht selten anzutreffen. Gerade angesichts verschiedener, weit verbreiteter Vorurteile in der Bevölkerung („sie hat es doch so gewollt“; „er hatte ja selbst Spaß daran“) tauchen häufig Fragen und Zweifel bei den Geschädigten auf, ob sie nicht selbst Schuld sind oder zumindest eine Mitverantwortung dafür haben, was ihnen widerfahren ist.

Schließlich darf der Grad der Traumatisierung nicht unterschätzt werden, der mit der Erfahrung einhergeht, hilflos und ohnmächtig einem anderen Menschen und dessen erniedrigenden Taten ausgeliefert zu sein. In der menschlichen Psyche gibt es unterschiedliche Verarbeitungsstrategien, um irgendwie mit dem Erlebten zu recht zu kommen. Belastungsstörungen oder Verdrängungsmechanismen, die mal mehr und mal weniger bewusst ablaufen, sind keine seltenen Schutzreaktionen. Auch eine Vielzahl psychischer Störungen und Erkrankungen können auf ein traumatisches Ereignis zurückgehen. Für die Betroffenen selbst wie auch für außenstehende Menschen sind die eigentlichen Gründe für existierende körperliche oder psychische Beschwerden häufig nur schwer ergründbar.

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Abgesehen von Scham, Angst oder psychischen Störungen fördern emotionale, soziale, finanzielle und rechtliche Abhängigkeiten, in denen das Opfer lebt, das Schweigen. Gerade wenn Täter aus dem sozialen Nahbereich kommen, entstehen beim Opfer ganz widersprüchliche Gefühle. Da ist zum einen Liebe oder Zuneigung, da gibt es Vertrauen und Abhängigkeit. Und gleichzeitig kommt es andererseits (immer wieder) zu Übergriffen, die diese positiven Gefühle zunichte machen. So erlebt das Opfer oft eine "Achterbahn der Gefühle" und ist bereit, sich selbst zu beschwichtigen und den Täter zu entschuldigen.

In einer solchen Situation den Mut, die Kraft aber auch die Einsicht zu erlangen, die erst eine Veränderung der Situation ermöglichen kann, ist eine kaum zu ermessende Leistung Betroffener. Oft gelingt dies leider erst nach einem langen, zermürbenden Weg. Erst wenn die Situation völlig unerträglich geworden ist, ist es möglich das Schweigen zu brechen und nach Hilfe zu rufen. Wenn das Opfer dann auf starke Ressourcen zurückgreifen kann (wie z.B. besonnene Freunde oder kompetente Beratungsstellen), fällt der befreiende Schritt leichter. Dies betrifft nicht nur Kinder und Jugendliche, welche besonders den sozialen Gegebenheiten ausgeliefert und angewiesen sind auf Hilfe von Außen. Auch Erwachsene können sehr leicht in einem Beziehungsnetz gefangen sein, aus dem sie nicht einfach entrinnen können.