Erzdiözese München und Freising
Fachbereich Weltanschauungsfragen
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Davis-Methode

Die Davis-Methode® ist ein Training, das ursprünglich zur Behandlung der Legasthenie (Lese-Rechtschreib-Störung) entwickelt wurde. Der Begründer Ronald D. Davis (geb. 1942) war laut eigenen Angaben selbst einst Legastheniker, was dazu führte, dass er bis zum Alter von 38 Jahren nicht lesen und schreiben konnte. Im Selbstversuch will er zu diesem Zeitpunkt einen grundlegenden Mechanismus seiner Probleme entdeckt haben, die „Orientierung“[1]. Daraufhin gründete er 1980 mit der Schulpsychologin Fatima Ali das Reading Research Council, wo bis 1982 eine erste Form der Davis-Orientierungsberatung entwickelt wurde. Diese Methode wurde in den folgenden Jahren weiterentwickelt und 1994 im Buch Legasthenie als Talentsignal veröffentlicht (deutsche Version 1995). Es folgten die Gründung der Davis Dyslexia Association International (DDAI, 1996), welche die Ausbildung von Beratern vorantrieb und die Veröffentlichung zahlreicher weiterer Schriften (z.B. Die unerkannten Lerngenies, 2004). Erwähnenswert ist ein mehrjähriger Kontakt von Davis zur Scientology-Organisation bis zum Jahr 1980. Seitdem distanzieren sich Davis und die von ihm gegründeten Institutionen von der Organisation.

Mittlerweile ist die Davis-Methode in einer Vielzahl von Ländern vertreten, dabei weitet sich der Fokus von der reinen Legasthenie-Behandlung auf weitere Störungsbilder aus. Dazu gehören beispielsweise Dyskalkulie (Rechenschwäche), ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und neuerdings auch Autismus.

Die Davis-Methode beruht auf der Annahme, dass Legastheniker eine völlig andere Wahrnehmung und Denkweise haben als andere Menschen. Dazu gehört beispielsweise eine betont bildliche (nonverbale) Denkweise mit einer plastischen Vorstellungskraft. Diese soll bewirken, dass die eigenen Gedanken als reales Geschehen erlebt werden. Vor allem bedeutsam ist aber der Zustand der Desorientierung. Letzteres soll dadurch zustande kommen, dass sich das sogenannte geistige Auge (welches als das eigentliche Zentrum der Wahrnehmung erklärt wird) verschiebt und damit neben Lese- und Rechtschreibproblemen u.A. Schwindelgefühle, die Wahrnehmung von nicht vorhandenen Geräuschen und eine Verschiebung des zeitlichen Empfindens auslöst. Die positive Seite dieses Zustandes wird als eine praktisch über-sinnliche Fähigkeit beschrieben, bei welcher durch die Beweglichkeit des geistigen Auges Objekte außerhalb des Wahrnehmungsbereiches (in diesem Fall des Blickfeldes) gesehen werden können.[2] Da Schriftzeichen jedoch zweidimensional sind, verursacht der erweiterte Wahrnehmungsraum der Desorientierung laut Davis hier Probleme[3] - insbesondere bei kurzen , „einfachen Wörtern“ wie Präpositionen oder Artikel, zu denen kein inneres Bild besteht. Diese eher abstrakten Wörter bewirken als „Auslösewörter“ dann Desorientierung und damit Leseunfähigkeit. Befindet sich das geistige Auge dagegen an einem bestimmten Punkt, hat der Legastheniker keinerlei Wahrnehmungsprobleme und damit auch keine Lese- und Schreibschwierigkeiten. Die Desorientierung wird damit zum fundamentalen Aspekt und Auslöser der Legasthenie. Gleichzeitig wird vom Talent und der Begabung hierdurch gesprochen. Hieraus wird auch eine Verantwortlichkeit des Legasthenikers für seine Probleme abgeleitet, da er den Zustand selbst, wenn auch meist nicht wissentlich, erzeugt.

Die Lösung der Problematik beruht bei der Davis-Methode auf zwei verschiedenen Trainings: dem Orientierungstraining und dem darauf folgenden Symbolbeherrschungstraining. Dabei wird zunächst ein Zeitraum von 5 Tagen zu jeweils 5-6 Stunden Training (insgesamt ca. 30 Stunden) veranschlagt, in welchem ein Großteil des Trainings stattfindet. Eine eventuelle Weiterführung kann dann selbstständig zu Hause erfolgen. Das Orientierungstraining soll den Legastheniker dazu befähigen, seine Desorientierung selbstständig zu beenden, indem er sein geistiges Auge am sogenannten Orientierungspunkt verankert. Allein dieses Training soll nach Davis bereits einen durchschlagenden Erfolg im Lesen und Schreiben bewirken: „Wir haben dokumentierte Fallgeschichten in unserem Archiv, die belegen, daß die sichtbare Lesefertigkeit mancher Teenager allein durch das Orientierungstraining binnen einer Woche auf ein Niveau angestiegen ist, das bis zu acht Klassen höher lag als vorher.“ [4]. Das folgende Symbolbeherrschungstraining soll dem bildlichen Denken des Legasthenikers Rechnung tragen, indem jedes unbekannte Wort im Wörterbuch nachgeschlagen wird und dann auf Grundlage der Definition ein Modell aus Knetmasse zu formen ist, welches eine passende Situation und die jeweiligen Buchstaben visualisiert. Auf diese Weise soll sich der Legastheniker die Wörter zu Eigen machen, wodurch seine Probleme verschwinden sollen. Analog kann beispielsweise mit Satzzeichen verfahren werden. Das Symbolbeherrschungstraining soll für alle Auslösewörter durchgeführt werden, ist dies erledigt, so ist die Störung beseitigt. Ein weiteres Üben oder Wiederholen ist ausdrücklich nicht nötig.

Das Konzept der Davis-Methode steht aus vielerlei Gründen in der Kritik (u.A. Bayerisches Landesjugendamt, Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie). Folgende Kritikpunkte sind aus unserer Sicht anzuführen:

  • Die grundlegende Annahme des Konzepts ist die Existenz des geistigen Auges, welche sich jeder Überprüfung entzieht (da es sonst ja niemand sehen kann). Sie widerspricht jedoch jeglichen wissenschaftlichen Erkenntnissen sowohl über das menschliche Sehvermögen als auch über die Entstehung von Legasthenie. Zudem werden dem Legastheniker dadurch übersinnliche Fähigkeiten attestiert, weshalb wir das Konzept im Bereich der Esoterik verorten.
  • Ebenso wenig ist der Zustand der Desorientierung nachweisbar, da es sich um ein rein subjektives Empfinden handeln soll und dieses dementsprechend schwammig beschrieben wird. Dies wird jedoch zum Maßstab für die Legasthenie gemacht.
  • Legasthenie selbst soll nicht diagnostizierbar sein, sondern nur über die Diagnose der Desorientierung ermittelt werden können. Diese wiederum wird rein über die mentale Vorstellungskraft in einem höchst subjektiven Verfahren ermittelt, sodass die Diagnose letztlich wertlos ist. Eine seriöse Diagnose der Legasthenie bezieht sich auf die Lese-/ Rechtschreibfähigkeit im Vergleich zum Entwicklungsstand bzw. der Intelligenz.
  • Das physiologische Grundkonzept hinter der Methode ist nicht nachvollziehbar. So werden neben der Begriffseinführung des „geistigen Sehzentrums“ folgende Aussagen gemacht: Nervenbahnen sollen „geöffnet“ werden können um sie ein für alle Mal zu aktivieren und grundlegende Verarbeitungszentren im visuellen System sollen noch nie benutzt worden sein. All dies ist nach unserer Auffassung unvereinbar mit grundlegenden Erkenntnissen über das Nervensystem.
  • Die Legasthenie wird irreführenderweise als Begabung stilisiert. Sie soll mit u.A. mit Wissbegier, Kreativität und der „Gabe der Meisterschaft“ einhergehen, wofür als Belege nur das Desorientierungskonzept und einige Prominente, die mutmaßlich Legastheniker waren, dienen.
  • Dem Legastheniker wird selbst die Verantwortung für seine Probleme zugeschoben, er habe seine Situation, wenn auch nicht wissentlich, selbst verschuldet. Dies steht erstens im Widerspruch zur wissenschaftlichen Legasthenieforschung (welche von vielen verursachenden Faktoren ohne jegliche Selbstverschuldung ausgeht). Zweitens sollte bedacht werden, dass die Diagnose größtenteils bei Grundschulkindern gestellt wird – diesen eine derartige Verantwortung aufzubürden, ist völlig ungerechtfertigt und sowohl pädagogisch als auch ethisch nicht haltbar.
  • Es werden unrealistische Erfolgserwartungen geweckt, indem eine völlige Beseitigung der Störung in kürzester Zeit, eine Erfolgsquote von fast 100 % und mögliche Niveausteigerungen um 8 (!) Klassenstufen propagiert werden. All dies aufgrund von nicht nachprüfbaren Fallbeispielen, objektive Wirksamkeitsnachweise fehlen bislang. Dies kann nur als unseriös bezeichnet werden.
  • Das Bildungssystem und manche Komponenten werden abgewertet, so soll der normale Unterricht für Legastheniker schlicht zu primitiv sein und Konzentration wird generell als schlecht angesehen (und mit einem hypnotischen Zustand verglichen). Sicherlich hat jedes Bildungssystem seine Schwächen und Lernen soll auch Spaß machen – aber nur mit Spaß ist es (insbesondere bei Lernschwächen) auf Dauer nicht getan.
  • Das Konzept widerspricht fundamentalen Erkenntnissen über Lernprozesse, wenn ein einmaliges Begreifen völlig ausreichend für die Beherrschung des Stoffes sein soll (Übungen oder Wiederholungen sind nicht nötig). Es werden dementsprechend auch keinerlei Lernstrategien für eine langfristige Intervention vermittelt. Eine allgemeine Unterstützung im Lernen findet daher (trotz gegenteiliger Versprechen) nicht statt, das Ziel des Trainings ist die reine Beseitigung der (fragwürdigen) Ursachen der Behinderung.
  • Es wird ein Universalschlüssel zum Lernen propagiert, der bei allen Kindern (auch nicht-legasthenischen) erfolgreich sein soll. Dieser besteht im Wesentlichen aus dem Nachschlagen von Wörtern im Wörterbuch und dem Formen von Knetmasse-Modellen. Diese Methode ist weder geeignet um das Lernen langfristig zu fördern noch ist der Universalanspruch gerechtfertigt. Jeder Mensch lernt individuell und kann daher nicht von einer Methode gleichermaßen oder überhaupt profitieren. Letzteres wird eigentlich im Konzept auch angeführt.
  • Das Konzept ist in sich nicht stimmig, so sollen Legastheniker u. A. deshalb Probleme mit der Schriftsprache haben, weil sie durch ihre nonverbale Denkweise ihre Gedanken nie gehört haben. Daraus folgend müsste dann eigentlich auch eine Beeinträchtigung der Sprache beschrieben werden, was jedoch nicht der Fall ist. Im Gegenteil sollen Legastheniker hier besonders frühreif sein und schnell und ausdauernd sprechen. Auch die oben beschriebenen Auslösewörter scheinen hierbei keine Rolle zu spielen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das Konzept in keiner Weise haltbar.
  • Die Behauptung, kleine Auslösewörter seien letztlich die Ursache für Leseprobleme, ist mehr als fragwürdig. Demnach müssten Legastheniker lange und komplizierte Worte problemlos einzeln schreiben können. Auch diese Annahme widerspricht jeglichen Erkenntnissen der wissenschaftlichen Legasthenieforschung.
  • Das Symbolbeherrschungstraining weist auffallende Parallelen zur Lernmethode nach L. Ron Hubbard auf. Dazu gehören z.B. das Nachschlagen im Wörterbuch, die Erstellung von Knetmodellen und der Fokus auf einfache Wörter[5].
  • Der veranschlagte Zeitraum für das Training (5 Tage mit insgesamt 30 Stunden) ist für eine pädagogische Intervention nicht sinnvoll. Eine längerfristige, regelmäßige professionelle Begleitung wäre bei Lese-/Rechtschreibproblemen zu erwarten. Die Stundenanzahl pro Tag ist für Kinder zudem zu lang.
  • Im Orientierungstraining sitzen sich der erwachsene Trainer und der Klient (meist also das Kind) frontal und so nahe gegenüber, dass man sich im Sitzen berühren kann. Körperberührungen gehören zudem zum Training. Insbesondere die Abbildungen in den Veröffentlichungen (vgl. Davis, 2001, S. 156ff, 184ff; Davis, 2004, S. 165) zeigen diese konfrontative Sitzposition und weisen auf die Gefahr eines Machtgefälles zwischen Trainer und Kind hin. Die Situation und damit gestellte Fragen oder Aufforderungen sind dann für das Kind kaum oder wenig kontrollierbar.
  • Das Desorientierungskonzept wird mittlerweile auch zur Erklärung und damit Behandlung weiterer Störungen (Dyskalkulie, ADHS, Autismus) eingesetzt. Auch hier entbehrt der Ansatz nach unserem Dafürhalten jeder Grundlage.

Fazit: Die Davis-Methode ist aus unserer Sicht als esoterisches Konstrukt zu bewerten, welches jeder nachvollziehbaren physiologischen und pädagogischen Grundlage entbehrt. Zur Behandlung von Legasthenie oder anderen Störungsbildern erscheint sie damit mehr als fragwürdig. Zudem halten wir die Versprechungen von Genialität und extrem hoher Erfolgswahrscheinlichkeit für unseriös.

Bitte wenden Sie sich bei Problemen im Lesen/Rechtschreiben an qualifizierte Fachleute, die beispielsweise der Bundesverband Legasthenie (https://bvl-legasthenie.de/) oder die entsprechenden Landesverbände (z.B. http://legasthenie-bayern.de/) vermitteln.

Quellen:

Davis, R. D. (2001). Legasthenie als Talentsignal. München: Knaur.

Davis, R. D. (2004). Die unerkannten Lerngenies. Kreuzlingen/München: Heinrich Hugendubel.

Webseiten zur Davis-Methode:

http://www.legasthenie-adhs-dyskalkulie.com/

http://www.dyslexia.com/

Kritische Stellungnahmen:

http://wiki.bildungsserver.de/index.php/Legasthenie

http://www.legasthenie-reutlingen.de/stellungnahmen_zur_davis.html

http://www.blja.bayern.de/service/bibliothek/fachbeitraege/Legasthenikertherapeuten.php

Christina Hanauer
Stand: Juni 2014


[1] Davis, 2004, S.9

[2] „Es ist wichtig zu begreifen, daß man nach unserer Methode nicht im oder am geistigen Auge oder durch es sieht, hört oder empfindet, sondern mit dem geistigen Auge oder von ihm oder aus ihm heraus.“ (Davis, 2001, S. 141, Hervorhebungen lt. Original).

„Das geistige Auge hat keinen Standort. (…) Es befindet sich dort, wo sein Besitzer es jeweils plaziert, hinwünscht oder wahrnimmt. Wem dies wie ein übernatürlicher oder metaphysischer Begriff erscheint, der möge sich bitte daran erinnern, daß Legastheniker die Fähigkeit besitzen, ihre geistigen Bilder als reelle Wahrnehmungen zu erleben. Wenn sie also das geistige Auge an einem bestimmten Ort ansiedeln, erlangen sie die Fähigkeit, ihre Wahrnehmungen von diesem Blickwinkel aus zu erleben.“ (Davis, 2001, S. 141f)

[3] „Das geistige Auge fährt geistig um den Buchstaben herum, als wäre dieser ein Gegenstand im Raum. Es gleicht einem Hubschrauber, der ein Gebäude umfliegt und überwacht.“ (Davis, 2001, S. 142)

[4] Davis, 2001, S.165

[5] vgl. New Era Publications International ApS (1984). Die Lernfibel. Nach den Werken von L. Ron Hubbard. Kopenhagen.